Das quälende Warten auf den Prozess

Eingetragen von Rechtsanwalt Markus Lehmann am 07. Apr 2010 zum Thema Opfervertretung

David C. hat schon ein ungutes Gefühl, als die jungen Männer im Bahnhof Alt-Mariendorf den U-Bahn-Wagen betreten. Es ist der 17. Juni 2006, gegen 2.40 Uhr. Der Bahnhof ist nur spärlich beleuchtet. Weit und breit kein Fahrgast, nur David C. und sein Bekannter - und diese beiden jungen Männer, die sofort den Blickkontakt suchen. Provokant. Angriffslustig. Der 27-jährige David C. versucht noch abzuwiegeln. “Jungs, macht keinen Ärger”, sagt er, “wir wollen doch alle nur nach Hause fahren.” Aber es hilft nicht. Im Gegenteil. Es ist, als habe er damit erst das Stichwort gegeben. Sie kommen drohend näher. Er versucht, auf den Bahnsteig zu fliehen, wird geschlagen, getreten, verliert das Bewusstsein.

Pro Jahr werden in Berlin von der Polizei etwa 4500 Körperverletzungen erfasst. Bei diesem Fall ist die Beweislage günstig: Es gibt Zeugen. Und einer der beiden mutmaßlichen Täter - er war damals 17 Jahre alt - konnte schon Minuten später am Eingang des U-Bahnhofs gefasst werden. Zeugen identifizierten ihn auf Fotos als einen der Schläger, die David C. attackierten.

Verheerende Wirkung auf das Opfer

Dennoch wartet das Opfer bis heute vergeblich auf die Verurteilung der Täter. Für seinen Anwalt Markus Lehmann ist das “eine unzumutbare Situation”. Erst recht, da einer der Täter Heranwachsender gewesen sei und im Jugendstrafrecht schon aus erzieherischen Gründen die Forderung gelte, dass “die Zeitspanne zwischen der Straftat und Sanktion möglichst kurz” ist. Genau das, so Anwalt Lehmann, “wird hier ad absurdum geführt”. Verheerend sei auch die Wirkung für die Opfer: “Die verlieren irgendwann den Glauben an den Rechtsstaat.”

Bei David C. war die nächste Erinnerung das Gesicht eines Sanitäters, der sich über ihn beugte und prüfte, ob er ansprechbar sei. Er war letztlich noch glimpflich davongekommen. Der Triebwagenführer des U-Bahn-Zuges hatte gesehen, wie auf den am Boden liegenden Fahrgast eingetreten wurde. Als er die Täter aufforderte, sofort aufzuhören, bekam er einen Faustschlag auf die Brille, erlitt eine Platzwunde und Schnittverletzungen. Geistesgegenwärtig rannte er zum Zugprüfer, der im Tunnel sein Büro hatte. Der alarmierte die Polizei. Die Täter flohen .

David C. wurde damals sofort ins Krankenhaus gebracht, konnte nach einer Notversorgung aber schon nach wenigen Stunden wieder entlassen werden. Er hatte mehrere Platzwunden und Prellungen, die aber schnell wieder verheilten. Geblieben ist jedoch die Erinnerung: “Ich werde diese Bilder nicht mehr los”, sagt er. “Es gelingt mir nicht, sie zu verdrängen.” Er hat seitdem den U-Bahnhof Alt-Mariendorf strikt gemieden.
Am 28. Januar 2008 wurde gegen den 17-Jährigen Anklage erhoben. Der zweite mutmaßliche Schläger, zur Tatzeit 25 Jahre alt, konnte erst im März 2008 gefasst werden. Von ihm gibt es Aufnahmen einer im U-Bahnhof Alt-Mariendorf platzierten Überwachungskamera. Es ist zu erkennen, wie er David C. verfolgt und dabei mit Quarzsand gefüllte Kampfsporthandschuhe trug. Mit ihnen lässt sich besonders wirkungsvoll zuschlagen. Bei der Polizei soll er erklärt haben, dass er die Quarzsandhandschuhe lediglich getragen habe, um seine nach mehreren Knochenbrüchen sehr anfälligen Finger zu schützen.

David C. suchte sich nach dem Überfall Hilfe beim Weißen Ring. Er hatte von der Opferschutzorganisation durch Zeitungsberichte erfahren. Im Internet fand er eine Rufnummer. “Die Gespräche mit einer ehrenamtlichen Betreuerin haben mir gutgetan”, sagt er. Aber es gab auch andere Hilfe. Die Angreifer hatten seinen Rucksack mitgenommen, mit Papieren und Wohnungs- und Hausschlüsseln. Die mussten neu beantragt und angefertigt werden. Für den gelernten Bürohelfer, der sich über eine Arbeitsverleih-Agentur mit Gelegenheitsjobs durchschlug, waren das “schmerzhafte Einschnitte”. Der Weiße Ring half mit 300 Euro. Außerdem bekam David C. Verrechnungschecks für einen speziell ausgebildeten Traumapsychologen und einen Anwalt, der ihn rechtlich beraten und vor Gericht als Nebenkläger vertreten sollte. “Ich habe damals nicht geahnt, wie wichtig vor allem Anwalt Lehmann für mich werden wird”, sagt David C. “Auch, weil er mich immer wieder aufgebaut hat. Denn das zerrt ja ganz schön an den Nerven. Und richtig Ruhe bekomme ich erst, wenn die Sache abgeschlossen ist.”

In den letzten Jahren wurde er fünfmal zu Prozessen geladen. Fünfmal umsonst. Mal wurde der Fall nicht behandelt, weil es noch andere Vorwürfe gegen die Angeklagten gab und ein Prozesstag nicht ausgereicht hätte. Ein anderes Mal wurde plötzlich festgestellt, dass der 17-jährige mutmaßliche Haupttäter begutachtet werden müsste. Und wieder ein anderes Mal erschien einer der Angeklagten nicht, weil schlicht vergessen wurde, ihn ordnungsgemäß zur Verhandlung zu laden. Jedes Mal erschienen alle Zeugen. Jedes Mal musste David C. einen freien Tag nehmen und sich “gedanklich darauf vorbereiten, den Schlägern gegenüberzustehen”. Der nächste Termin ist nun für den 20. April angesetzt. David C. hofft, dass dieser Tag mit einem Urteil endet. Aber glauben kann er daran nicht.

Von Michael Mielke

Weitere Artikel

Flucht vor der Polizei mit KFZ - Verkehrsrecht

In einem aktuellen Fall, welchen der Bundesgerichtshof zu entscheiden hatte (vgl. BGH vom 29.04.2021, Az: 4 StR 165/20), stand die Frage, ob der neue Strafstandbestand des § 315d StGB (verbotenes Kraftfahrzeugrennen) auch bei sogenannten „Polizeifluchtfällen“ anwendbar ist.

Zum Artikel

Einziehung eines Leasingfahrzeuges

In einem aktuellen Fall, den ein Landgericht zu entscheiden hatte (vgl. LG Tübingen, 11.06.21, Az: 3 Qs 16/21), wurde einem Fahrzeugführer ein verbotenes Kraftfahrzeugrennen (§ 315d StGB) vorgeworfen und als Folge dabei das von ihm genutzte KFZ durch das Amtsgericht eingezogen.

Zum Artikel

Fußgänger liegt auf Straße

In einem aktuellen Fall, den ein Landgericht zu entscheiden hatte (vgl. LG Mühlhausen, 28.04.21, Az: 3 Qs 43/21), hatte ein Fahrzeugführer mit seinem KFZ auf einer unbeleuchteten Landstraße einen auf der Fahrbahn liegenden Fußgänger überfahren, der dabei tragischerweise zu Tode kam.

Zum Artikel

Büro Berlin-Mitte

Zimmerstraße 55
10117 Berlin

Tel: 030 440 17703
Fax: 030 440 17704

Email: info@wup.berlin

Kontaktieren Sie unsKontakt
Büro Berlin-Neukölln

Neuköllner Straße 346
12355 Berlin

Tel: 030 720 15616
Fax: 030 720 15617

Email: info@wup.berlin

Kontaktieren Sie unsKontakt