Das Selbstmitleid des Todesschützen von Hinzdorf

Eingetragen von Rechtsanwalt Roland Weber am 12. Nov 2010 zum Thema Opfervertretung

Neuruppin - In diesem Prozess vor einem Neuruppiner Schwurgericht geht es um eine Frau und um krankhafte Eifersucht. Liebe war da wohl kaum im Spiel. Auch wenn es der Angeklagte immer wieder suggerieren will. Peter L., 57 Jahre, ist angeklagt wegen versuchten Mordes, fahrlässiger Tötung und Geiselnahme.

Peter L. ist ein korpulenter Mann mit langem, ungepflegtem Haar, der beim Reden immer wieder geschüttelt wird vom Selbstmitleid. Für zwei Beobachterinnen auf der Zuschauerbank ist dies nur schwer zu ertragen. Sie sind Angehörige einer Frau, die von Peter L. am 15. Mai auf einem Zeltplatz an der Elbe in Hinzdorf (Prignitz) erschossen wurde. Das Opfer hatte mit Peter L.s Problemen nichts zu tun. Die Frau war ein unbeteiligter Gast. Und ihr Tod war der traurige Schlusspunkt einer merkwürdigen Geschichte, die im Jahr 1990 in Bremen begann.

Es ist die Beziehung zwischen Peter L. und seiner 17 Jahre jüngeren Schwester Silke. Sie war drei Jahre alt, als er 1983 in der DDR wegen versuchter Republikflucht eingesperrt und nach einer Amnestie in die Bundesrepublik ausgewiesen wurde. Er zog damals nach Bremen. Und nach dem Fall der Mauer besuchten ihn dort die Mutter, seine Brüder und eben auch die 17 Jahre jüngere Silke. Sie blieb dann bei ihm. Beide sagen heute noch “mein Bruder” und “meine Schwester”. Obwohl sie jahrelang wie ein Liebespaar inzestuös zusammen lebten und sogar ein gemeinsames Kind hatten, das aber nur knapp drei Wochen lebte.

Erster Ausbruchsversuch scheiterte

Silke L.s Sicht auf diese Beziehung ist ambivalent. Am Anfang war da auch mal Liebe im Spiel und “die Angst, den so lange vermissten großen Bruder erneut zu verlieren”. Später, sagt sie vor Gericht, habe sie sich ihm nicht mehr entziehen können. Ein Ausbruchsversuch zu einem anderen Man im Jahr 1993 endete damit, dass ihr Peter L. eine Pistole an den Hals drückte und ihre erklärte, er werde sie “zum Krüppel” schießen. Sie habe dann aufgegeben, sagt sie. “Ich glaube, er wusste genau, wie er mich psychisch unter Druck setzen und handlungsunfähig machen konnte. Ich habe dann nur noch funktioniert.” Das endete erst 2007, als sie erneut einen anderen Mann kennenlernte. Mit diesem traf sich Silke heimlich. Und eines Tages forderte der Mann eine Entscheidung: entweder dein Bruder oder ich. Das habe ihr die Kraft für einen neuerlichen Ausbruchsversuch gegeben, sagt sie. Und diesmal gelang er. Sie hinterließ keine Telefonnummer, keine Adresse. Auch ihr zwei Jahre älterer Bruder Lars, der eigentlich ihr Vertrauter war, wusste nicht, wo sie lebte.

Peter L. wollte dies nicht hinnehmen. “Ich habe sie doch geliebt, mehr als mein eigenes Leben”, sagt er vor Gericht. Er versuchte sie mit Hilfe von Zeitungsannoncen und Suchanzeigen im Internet aufzuspüren. Vergeblich. Einmal bekam er einen Hinweis von einem anderen Händler. Dessen Frau hatte Silke ein paar Mal in einer brandenburgischen Kleinstadt in einer Bank gesehen. Er fuhr dorthin, recherchierte, wieder vergeblich.

Vermutlich wurde die Suche nach der Schwester zu einer Obsession. Es gibt einen Zeugen, zu dem Peter L. gesagt haben soll, dass er eine Pistole habe, mit der er erst Silke und anschließend sich selbst erschießen wolle. Und dann gab es die Feiern im Mai auf dem Zeltplatz in Hinzdorf. Gefeiert wurde zunächst der 75. Geburtstag der Mutter. Peter L. war dazu nicht eingeladen, weil es zuvor schon jahrelang Streitereien mit Familienmitgliedern gab. Aber L. kam doch, schlich aber nur um den Zeltplatz herum. Eine Woche später feierte eine Nichte Jugendweihe. Diesmal betrat Peter L. das Festzelt. In der Hand eine Selbstladepistole der Marke Luger.

“Wo ist Silke?”, fragte er die Nichte, die ihm entgegen kam. Drinnen schoss er laut Zeugen aus etwa 1,50 Meter Entfernung auf das Gesicht seines 15 Jahre jüngeren Bruders Lars. Ihn hasste er besonders, da er vermutete, dass dem Bruder der Aufenthaltsort der Schwester bekannt war, der ihn aber nicht preisgeben wollte. Der Bruder konnte sich noch reflexartig zur Seite drehen. Das Projektil traf seinen Hals, trat in der Nähe des rechten Ohres wieder aus und flog in Richtung einer hinter ihm sitzenden Frau. Die 67-Jährige wurde im Oberkörper getroffen und starb.

Lars L. jedoch überlebte. Ärzte sprechen von einem Wunder. Wenig später verließ Peter L. mit seinem VW den Zeltplatz. Er zwang einen Neffen, sich hinter das Steuer zu setzen. Anschließend fuhren beide stundenlang durch mehrere Orte, bis der Motor des Polos auf einem Feldweg in der Altmark aussetzte. Kurz darauf stellte sich Peter L. der Polizei.

Bis zum Prozess hatte Peter L. nicht ausgesagt. Vor Gericht stellt seine Tat als Unfall dar: Er habe nur über den Kopf seines Bruders hinweg schießen wollen. Als Drohung, damit man ihm den Aufenthaltsort der Schwester verrät. Die Frau hinter dem Bruder habe er nicht gesehen. Und der Neffe habe sei auch keine Geisel gewesen, sondern habe sich zur Fahrt im Fluchtfahrzeug überreden lassen.

Psychiater bestätigt Schuldfähigkeit

Anwalt Roland Weber, der die Nebenklage vertritt, hält Peter L.s Unfall-Version für eine “raffinierte Aussage”. Er glaubt jedoch, dass sie “durch Zeugenaussagen und Gutachten widerlegt” werden wird. Eine andere Hoffnung des Angeklagten hat sich schon am ersten Prozesstag zerschlagen. Psychiater Matthias Lammel sieht keine psychopathologischen Auffälligkeiten, die zu einer verminderten Schuldfähigkeit und in der Konsequenz zu einer milderen Strafe führen könnten. Er sehe bei Peter L. ein eingeschliffenes Muster, so Lammel. Man brauche sich nur die Vorstrafen anzuschauen. Da würde deutlich, dass Peter L. nicht zum ersten Mal versucht habe, Frauen mit Drohungen und Misshandlungen gefügig zu machen.

Von Michael Mielke

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