“Dieser Arzt hat uns den Sohn genommen”

Eingetragen von Rechtsanwalt Roland Weber am 03. Mar 2010 zum Thema Opfervertretung

Am Morgen seines 51. Geburtstages bekam Ralf-Peter K. eine SMS von seinem Sohn Marcel. Der 28-Jährige gratulierte und erinnerte daran, dass er an diesem Tag zur Therapiestunde gehe. Ralf-Peter K. wird diese SMS “nie vergessen”. Es war die letzte Nachricht seines Sohnes, dessen Todesursachen ab morgen ein Moabiter Schwurgericht untersucht. Angeklagt ist ein Arzt für Psychotherapie, dem vorgeworfen wird, Patienten bei einer Gruppensprechstunde illegale Drogen verabreicht zu haben. Die Staatsanwaltschaft spricht von versuchtem Mord, Körperverletzung mit Todesfolge und gefährlicher Körperverletzung. Und eines der Opfer ist Marcel K.

Seine Eltern hatten an diesem 19. September 2009 ein paar Freunde eingeladen. Ihre 22-jährige Tochter Michelle war aus Dresden angereist. Und gemeinsam feierten sie auf ihrem Wochenendgrundstück am Rande einer Kleinstadt in Brandenburg. “Abends haben wir dann im Radio diese merkwürdige Meldung gehört”, erinnert sich Sabine K. “Da war von einem Massensuizid in einem Reinickendorfer Reihenhaus die Rede.” Als bei späteren Nachrichten von einem Psychotherapeuten gesprochen wurde, sei sie “für kurze Zeit unruhig” geworden und habe ihre Tochter gebeten, “doch mal den Marcel anzurufen”. Er ging jedoch nicht ans Telefon. Aber sie wussten ja auch, dass er während der Therapie sein Handy abschalten musste. “Marcel war schon seit mehreren Monaten bei diesem Arzt in Behandlung”, sagt Sabine K. “Er stand kurz vor dem Abschluss einer Ausbildung zum Heilerziehungspfleger und hatte Prüfungsstress. Und die Besuche bei dem Therapeuten halfen ihm - das glaubte er zumindest.” Sie und ihr Mann waren völlig arglos, als am nächsten Morgen gegen 7.30 Uhr zwei uniformierte Polizisten vor der Tür standen. Es war ein Sonntag. “Wir dachten, vielleicht wurde vor unserem Haus mal wieder ein Auto geklaut, und die suchen jetzt Zeugen”, sagt Ralf-Peter K. Doch es kam anders: Sie sollten sich doch bitte hinsetzen, bat einer der Beamten. Er hielt nervös ein Fax in der Hand. Marcel sei gestorben, sagte er. Vermutliche Ursache sei eine Intoxikation. Mehr wussten auch die Polizisten nicht.

Aber das Ehepaar könne ja am Montag nach Moabit zum zuständigen Staatsanwalt fahren, hieß es. Der wisse sicher mehr. Familie K. wollte das nicht glaube, wollte es widerlegen, wollte irgendetwas tun. “Wir wären sonst durchgedreht”, erinnert sich Ralf-Peter K. Sie recherchierten im Internet die Adresse von Garri R. und fuhren nach Reinickendorf in die Bertramstraße. Aber vor dem Haus war alles schon abgesperrt. Sie fuhren nach Wedding zum Humboldt-Krankenhaus, auf dessen Intensivstation ein Arzt am Vortag gegen 21 Uhr den Totenschein ausgefüllt hatte. Eine Ärztin kam zu ihnen und sprach von “multiplen Organblutungen”. Mehr wisse sie nicht. Bei der Staatsanwaltschaft erfuhren sie dann mehr. An jenem 19. September war eine Gruppensitzung geplant; eine “psycholytische Intensivsitzung”, wie es Garri R. nannte. Die Rede war auch von einer “gemeinsamen Reise”. Zwölf Patienten kamen, vier Frauen und acht Männer. Die Teilnahmegebühr betrug pro Kopf 150 Euro. Zunächst hörten sie gemeinsam entspannende Musik. Gegen elf Uhr soll ihnen der Arzt dann die ersten Drogen angeboten haben: Kapseln, gefüllt mit einer Substanz die Amphetamine enthält. Nicht alle nahmen etwas. Gegen 13.30 verteilte der 51-jährige Arzt nochmals Drogen. Diesmal das Amphetamin MDMA, bekannt unter dem Namen Ecstasy. Garri R. soll später zu Protokoll gegeben haben, dass er sich bei der Dosierung wohl vertan habe. Es waren nachweislich viel zu große Mengen. Einige Patienten begannen schwer zu atmen, schwitzten, hatten Kreislaufprobleme, halluzinierten.

Der 60-jährige Joachim Ku. bekam Krampfanfälle, schlug wild um sich. Auch Marcel K. hatte sich nicht mehr unter Kontrolle. Garri R. soll wenig später einige Patienten angewiesen haben, das Haus zu verlassen und den jungen Mann mitzunehmen. Sie brachten ihn in ein Nebenzimmer. Eine Patientin versuchte es mit einer Herz-Druck-Massage, eine andere mit Mund-zu-Mund-Beatmung. Währenddessen verschlimmerte sich auch der Zustand von Joachim Ku. Gegen 15.20 wurde auf Weisung von Garri R. die Feuerwehr informiert. Eine Rettungsärztin kümmerte sich zunächst um den kollabierten Joachim Ku. und versuchte ihn 25 Minuten lang vergeblich zu reanimieren. Garri R. soll daneben gestanden, ihr aber nichts von Marcel K. erzählt haben. Der lag eine Etage tiefer in einem Raum und rang mit dem Tode.

Die Ärztin, heißt es, habe ihn dann erst entdeckt, nachdem sie auf eigene Faust das Haus durchsuchte. Die Staatsanwaltschaft wirft Garri R. vor, Marcel K. bewusst versteckt zu haben, um zu verdecken, dass auch er Drogen erhalten habe. Dabei habe der Arzt sogar in Kauf genommen, dass sein Patient sterben könne. Für Marcel K.s Eltern ist diese mutmaßliche Verstecken des sterbenden Sohnes “das schlimmste überhaupt”. Niemand könne sagen, ob er bei schneller Hilfe überlebt hätte, sagt Sabine K., “aber mein Junge hätte zumindest weitaus bessere Chancen gehabt.” Dieser Vorwurf des versuchten Mordes sei aber nur ein Teil dieser Anklage, sagt Anwalt Roland Weber, dessen Kanzlei für mehrere Opfer vor Gericht die Nebenklage vertritt. Zuvor müsse in der Beweisaufnahme erst einmal grundsätzlich geklärt werden, “unter welchen Voraussetzungen ein Arzt an Patienten überhaupt illegale Substanzen verabreichen darf”. Und ob er, so Weber, die “Patienten nicht vorher hätte untersuchen müssen; nicht zuletzt, um die Verträglichkeit zu prüfen” - das reiche von einer eingehenden körperlichen Untersuchung, bis hin zum Prüfen des Blutdrucks oder des Körpergewichts. Das sei offenbar nicht geschehen.

“Da stellt sich die Frage: Ist es rechtlich und moralisch zu verantworten, dass ich Patienten Drogen verabreiche, deren Wirkstoffgehalt und Reinheitsgrad ich nicht überprüfen konnte. Denn sie stammten ja offenbar nicht aus einer Apotheke, sondern mit hoher Wahrscheinlichkeit von einem Drogendealer.” Weber hält auch die öffentlich geäußerte These der Verteidigung für angreifbar, in der eine Eigenverantwortung der Patienten betont wird: “Die Patienten haben sich ganz bewusst selbst gefährdet, keiner von ihnen musste die Drogen nehmen”, wird Verteidiger Ferdinand von Schirach zitiert. “So leicht ist das nicht”, erwidert Weber. “Herr R. wusste als erfahrener Arzt ja sehr genau um die Gefährlichkeit dieser Droge. Die Patienten haben sich aufgrund ihrer psychischen Erkrankungen mit vollem Vertrauen zu einem Arzt begeben, von dem sie sich Heilung, mindestens Linderung versprachen.” Da stelle sich schon die Frage: “Kann ein Hilfe suchender Patient, der für den Arzt zudem erkennbar psychisch beeinträchtigt ist, in dieser Situation überhaupt die Risiken erkennen und - wie Juristen sagen - wirksam einwilligen?” Sabine und Ralf-Peter K. können bezeugen, dass ihr Sohn Garri R. vertraute. Sie werden morgen im Saal 500 des Moabiter Kriminalgerichts als Nebenkläger erscheinen. “Wir wollen dem Angeklagten in die Augen schauen”, sagt Ralf-Peter K. “Dieser Arzt hat uns unseren Sohn genommen. Wir hoffen, dass er nie wieder praktizieren darf.”

Von Michael Mielke

Weitere Artikel

Flucht vor der Polizei mit KFZ - Verkehrsrecht

In einem aktuellen Fall, welchen der Bundesgerichtshof zu entscheiden hatte (vgl. BGH vom 29.04.2021, Az: 4 StR 165/20), stand die Frage, ob der neue Strafstandbestand des § 315d StGB (verbotenes Kraftfahrzeugrennen) auch bei sogenannten „Polizeifluchtfällen“ anwendbar ist.

Zum Artikel

Einziehung eines Leasingfahrzeuges

In einem aktuellen Fall, den ein Landgericht zu entscheiden hatte (vgl. LG Tübingen, 11.06.21, Az: 3 Qs 16/21), wurde einem Fahrzeugführer ein verbotenes Kraftfahrzeugrennen (§ 315d StGB) vorgeworfen und als Folge dabei das von ihm genutzte KFZ durch das Amtsgericht eingezogen.

Zum Artikel

Fußgänger liegt auf Straße

In einem aktuellen Fall, den ein Landgericht zu entscheiden hatte (vgl. LG Mühlhausen, 28.04.21, Az: 3 Qs 43/21), hatte ein Fahrzeugführer mit seinem KFZ auf einer unbeleuchteten Landstraße einen auf der Fahrbahn liegenden Fußgänger überfahren, der dabei tragischerweise zu Tode kam.

Zum Artikel

Büro Berlin-Mitte

Zimmerstraße 55
10117 Berlin

Tel: 030 440 17703
Fax: 030 440 17704

Email: info@wup.berlin

Kontaktieren Sie unsKontakt
Büro Berlin-Neukölln

Neuköllner Straße 346
12355 Berlin

Tel: 030 720 15616
Fax: 030 720 15617

Email: info@wup.berlin

Kontaktieren Sie unsKontakt